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Menschen für ein Engagement in der Nachbarschaft begeistern und gewinnen
Menschen für ein Engagement in der Nachbarschaft begeistern und gewinnen
Am 2. September lud die Landesinitiative Neue Nachbarschaften haupt- und ehrenamtlich Engagierte in das Sozialministerium nach Mainz ein, um im Beisein von Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler über die Stärkung nachbarschaftlicher Strukturen im Land zu diskutieren.
„Das Mitwirken Engagierter entscheidet über den Fortbestand von Nachbarschaftshilfen und -initiativen“, stellte Caroline Kuhl, Geschäftsführerin der BAS, den Kern der Veranstaltung in ihrer Begrüßungsrede heraus. Denn wie sich Engagierte finden und begeistern lassen, um sich nicht nur punktuell, sondern nachhaltig einzubringen, bleibe ein Dauerthema. Wie man Menschen jeden Alters mit ihren eigenen Sichtweisen und Kompetenzen in ehrenamtliches Engagement einbindet, wurde mit der Ministerin, aber auch in mehreren Workshops mit den insgesamt 45 Teilnehmenden am Tag diskutiert und herausgearbeitet.
Engagement gegen Einsamkeit: „Highlight Lesebotschafter:innen“
Als die Landesinitiative 2016 unter ihrer Regie als Sozialministerin gegründet wurde, sei es ihre Hoffnung gewesen „das Für- und Miteinander auszubauen“, berichtete Bätzing-Lichtenthäler, als sie von der Moderatorin der Veranstaltung, Anja Stiel, gefragt wurde, was sie mit der Gründung der Landesinitiative bewirken wollte. Als ein „persönliches Highlight“ der Arbeit der Landesinitiative nannte die Ministerin etwa das Fortbildungsangebot „Lesebotschafter:innen – Türöffner:innen für lebendige Kontakte in der Nachbarschaft“, in dem bereits 130 Lesebotschafter:innen ausgebildet wurden und heute in diversen Lese-Angeboten Kontakte zu oft alleinstehenden und einsamen Menschen in der Nachbarschaft oder auch in Einrichtungen knüpfen und pflegen. „Wer sich heute nachbarschaftlich ehrenamtlich engagiert, trägt nicht nur wesentlich zur Prävention gegen die Einsamkeit von alten Menschen bei, sondern oft bewirkt auch das Engagement selbst, nicht einsam zu werden“, betonte Bätzing-Lichtenthäler. Ihr sei bewusst, dass sich das Engagement verändert habe „von engagierten Senioren, die sich schon seit 60 Jahren in der Vereinsarbeit engagiert haben, hin zu Menschen, die sich ein auf ihre Lebenssituation angepasstes Engagement wünschen“, erläuterte sie.
In der Diskussion mit der Ministerin berichteten die Teilnehmende etwa von Problemen mit Förderungen oder aber Spendenquittungen, die man als Initiative nicht ausstellen könne. Bätzing-Lichtenthäler verwies in diesem Zusammenhang auf die Leitstelle Ehrenamt in der Staatskanzlei und die neue Landeszentrale „Daheim und füreinander“ als Ansprechpartner. „Wir haben oft Fördermöglichkeiten und können sie manchmal nicht an den ‚Mann‘ bringen“, berichte sie. Auch die zunehmende Digitalisierung auf allen Ebenen nannte ein Teilnehmender ein Problem. „Die analogen Alten können da nicht mithalten, sorgen sie bitte für das Fortführen analoger Angebote und Termine.“ Bätzing-Lichtenthäler bestätigte die Herausforderung und verwies in diesem Zusammenhang auf die wichtige Aufgabe der Digitalbotschafter im Land. „Das ist ein Erfolgsmodell und wir müssen die Digitalkompetenz der Menschen weiter ausbauen“, so die Ministerin.
„Bleiben Sie engagiert“, richtete sie sich an alle Teilnehmenden „und geben Sie uns Rückmeldung, was ihnen helfen würde, wenn sich die Rahmenbedingungen für Sie ändern. Vielleicht müssen auch wir uns anpassen gegenüber der Situation von vor zehn Jahren und zusammen mit der Staatskanzlei Lösungen finden – denn wir sind das Ehrenamtsland“, betonte die Sozialministerin.
Neue Landeszentrale „Daheim und füreinander“ soll Angebote bündeln
Was sich in Rheinland-Pfalz in Zukunft verändern soll, erläuterten Fabia Heischling vom Referat „Pflege, Gut leben im Alter“ sowie Patrick Landua vom Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung, indem sie die Arbeit der neuen Landeszentrale „Daheim und füreinander“ vorstellten. Laut Heischling ist diese „in den vergangenen zwei Jahren unter einem großen Beteiligungsprozess mit Hinweisen und Empfehlungen entstanden“. Die beim Landesamt verortete Landeszentrale habe den großen Vorteil, dort auf eine bestehende Struktur und erfahrene Mitarbeiter zurückgreifen zu können, ergänzte Landua. Ehrenamtlich Engagierte und hauptamtliche Mitarbeitende aus Rheinland-Pfalz sollen mit ihren Anliegen künftig Informationen über die Webseite LZdafuer.rlp.de sowie Anfragen über die zentrale Telefonnummer: 06131-967-800 an die Mitarbeitenden der Landeszentrale richten können. „Wir haben noch nicht auf alles eine Antwort, aber wir machen uns auf den Weg“, so Landua. Man werde sich mit den eingehenden Anfragen einarbeiten und den Menschen im Land den Zugang zu diversen Themen erleichtern und diese an die richtigen Ansprechpartner weitervermitteln. Neben engagierten Bürgern nannte Landua vor allem auch Kommunen, Bürgermeister und die Wohlfahrtspflege als Zielgruppe der neuen Landeszentrale. Im Hinblick auf die Zukunft der Landeszentrale wünschten sich Landua, dass man diese in ihrer Lotsenfunktion weiterbringen könne und Heischling, dass in zehn Jahren jeder und jede im Land diese kenne.
Anregungen aus der Praxis für die Praxis
Bevor sich am Nachmittag die Teilnehmenden in den Workshops intensiv mit den Fragen auseinandersetzten, wie man Menschen für ein Engagement in der Nachbarschaft begeistern kann“, fand eine Gesprächsrunde mit drei Nachbarschaftsvereinen statt, die auch bei der Landesinitiative präsent sind. Sie gaben Anregungen aus der Praxis für die Praxis. „Wäller helfen“ aus dem Westerwald steht für einen überregional arbeitenden Verein im ländlichen Raum. Mit speziellen Angeboten und einer eigenen Jugendabteilung gelingt es dort, gerade jungen Nachwuchs für freiwilliges Engagement zu begeistern. Wie Menschen für freiwilliges Engagement in einer Stadt gewonnen werden können, zeigt der Verein „Nachbarn füreinander“ aus Mainz. Bereits kurze Zeit nach der Gründung engagierten sich zahlreiche Aktive in und für ihre Nachbarschaft. Der Verein „Lützel aktiv“ aus Koblenz belegt wiederum, wie aus einer ursprünglichen „Geschichtswerkstatt“ die Motivation zur Gründung eines Nachbarschaftsvereins gewachsen ist. Dieser bringt heute mit unterschiedlichsten Angeboten Menschen dazu, sich in ihrem Viertel zu engagieren. „Diese Vereine mit ihren verschiedenen Ansätzen zeigen beispielhaft auf, wie unterschiedlich freiwilliges Engagement entstehen und Interesse daran geweckt werden kann“, so Annette Scholl. Denn Menschen könnten umso leichter für freiwilliges Engagement gewonnen werden, wenn man ihre spezifischen Interessen berücksichtigt und ihnen die Wahl lässt, wofür und wie lange sie sich engagieren möchten. Anja Stiel kitzelte in der Gesprächsrunde wichtige Details für die erfolgreiche Gewinnung von Ehrenamtlern und deren Arbeit aus den Vereinsvorsitzenden Björn Flick (Wäller helfen), Karl-Heinz Pastoors (Nachbarn füreinander) und Werner Weber (LützelAktiv) (nachzulesen in den einzelnen Interviews zum „Projekt des Monats“ [Links am Textende]).
Pleiten, Pech und Pannen
Zur allgemeinen Erheiterung der Zuhörenden fraget die Moderatorin diese aber auch nach „Pleiten, Pech und Pannen“, die auch bei ehrenamtlichem Engagement dazugehören: „Ich habe einmal für eine Veranstaltung 900 statt 90 Brötchen bestellt“, berichtete Flick. Immerhin konnte er viele davon später an Altenheim vermitteln und die restlichen 300 spendete er an einen Wildpark. Und als größten „Flop“ seiner Arbeit nannte Weber etwa ein Party-Mobil für Feste im Stadtteil Lützel, das an der Bürokratie gescheitert sei. Auch über Pannen bei einem Geschichtsfest mit mehr als hundert Teilnehmenden berichtete er: Nachdem zunächst das Mikro ausgefallen war, konnten später beim geselligen Zusammensein, die beiden Bierfässer nicht ans Laufen gebracht werden, „aber zum Glück gab es ja noch Wein“.
Vom Fuß auf den Kopf
Der Nachmittag begann in drei Workshops zu den Themen „Mitstreiter:innen finden“, „Nachwuchssuche“ und „Verantwortung übernehmen“. Mit der Kopfstand-Methode stellten die Workshop-Moderatorinnen Caroline Kuhl, Annette Scholl und Ann-Kristin-Hotsch (Co-Leiterin der Landesinitiative) zunächst einmal die Gedanken vom Fuß auf den Kopf, indem sich die Workshop-Teilnehmenden überlegen sollten, was man unternehmen müsse, um genau das Gegenteil von dem zu erreichen, was Thema der Veranstaltung war: Wie schreckt man potenziell Ehrenamtliche davor ab, sich zu engagieren oder Verantwortung zu übernehmen? Dieser zunächst einmal ungewöhnliche Angang und die Arbeit in Kleingruppen innerhalb jedes Workshops führte dann aber zu interessanten Ergebnissen, die im Anschluss allen Teilnehmenden vorgestellt wurden.
Wertschätzung: Das A und O, um Mitstreitende zu gewinnen
Um Menschen für ein Engagement in der Nachbarschaft zu begeistern, ist Wertschätzung ein zentrales Schlüsselelement. „Von der Tüte Gummibärchen als Anerkennung über regelmäßige Gesprächsrunden bis hin zu einem gemeinsamen großen Jahrestreffen – die Möglichkeiten Wertschätzung für Engagement auszudrücken sind mannigfaltig“, berichte Annette Scholl von den Ergebnissen eines Workshops. Dazu gehöre auch, immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Engagierten zu haben und nicht mit Lob zu geizen. Zugleich sei es aber auch sehr wichtig, nicht alle Engagierten über einen Kamm zu scheren. Es müsse genau auf die Kompetenzen und Ressourcen der Menschen geachtet werden. Scholl berichtete aber auch, dass bereits viele vertraute Ideen wie zum Beispiel Werbung in den verschiedensten Medien oder die persönliche Ansprache zur Gewinnung von Mitstreitenden vor Ort bereits individuell umgesetzt werden.
Was denn die Kopfstand-Methode negatives hervorgebracht habe, wollte Moderatorin Anja Stiel wissen. Eine Teilnehmerin antwortete, dass es zum Beispiel schwierig sei, wenn Alteingesessene ausnahmslos in ihrem Dialekt kommunizieren. Als Zugezogene habe sie dies selbst erlebt. Wenn man aber nichts verstehe, fühle man sich auch ausgegrenzt.
Für junges Engagement alte Zöpfe abschneiden
Die Ergebnisse zur Frage, wie man junge Menschen zum Mitmachen einlädt stellten die beiden Workshop-Teilnehmenden Alexandra Mally (Speyer) und Hubert Rehbach (Schwabenheim) vor. „Es kommt immer auf das Angebot an“, berichtete Mally. „Um junge Leute zu gewinnen, ist es vor allem unglaublich wichtig, viel Zeit miteinander zu verbringen.“ So könnte z.B. viele Feiern organisiert werden, in denen Jung und Alt zusammenkommen. Huber berichtete aus seinem Ort, dass er eine junge Weinkönigin für die Moderation auf eines Seniorenfestes gewonnen habe. Man müsse einfach Neues ausprobieren und „einfach mal anders machen“. Essenziell sei es dafür aufeinander zuzugehen und Ideen einzubringen. Flexibilität sei wesentlich für den Erfolg, um junge Leute zu erreichen. Oft müssten dafür einfach alte Strukturen aufgebrochen, alte Zöpfe abgeschnitten werden
Als Negativbeispiele, um junge Leute abzuschrecken, wurden Handy-Verbotszonen oder ein „Café und Kuchen“-Treff genannt. „Von einem solchen Treff werden die alten Leute angezogen und reden dort nur über Krankheiten“ – das sei genau das, was Jugendliche davon erwarteten.
Geregelte Strukturen und langsames Heranführen erleichtern Verantwortungsübernahme
Um Menschen für Aufgaben und Vorstandsarbeit zu ermutigen, sind geregelte Zuständigkeiten und eine gute Vorbereitung essenziell. So ein zentrales Ergebnis des dritten Workshops, das von Stefanie Schardt (Westerburg) vorgestellt wurde. Helfen könnten dabei etwa Fachliteratur wie das Praxishandbuch „Teamvorstand – Schritt für Schritt zum Ziel“, Schulungen, für die auch Geld bereitstehen müsse, oder die Vorstandsarbeit langsam zunächst einmal als Beisitzer kennenzulernen, berichtet Schardt. „Wenn der Verein sich selbst gut präsentiert und für die Arbeit im Vorstand z.B. eine gute Stellenbeschreibung entworfen wird und auch die Vorstandsarbeit klar aufgeteilt ist, kann dass Menschen ermutigen Verantwortung zu übernehmen.“ Auch Wertschätzung, die sich aus finanziell ausdrücken könne, und das Berücksichtigen individueller Interessen trage dazu bei, dass Menschen gerne Verantwortung trügen. Wichtig sei zudem, dass Vereine auf ihre Altersspannen achteten, da es sonst schwierig werde, Nachwuchs für verantwortliche Tätigkeiten zu gewinnen.
Abschreckend seien Unstrukturiertheit und sichtbare Überforderung in Initiativen und Vereinen. „Auch eine Ausgrenzung von Menschen hält viele andere Menschen davon ab, sich verantwortlich zu engagieren, ebenso, wenn eine politische Gesinnung nach außen getragen wird“, berichtete Schardt.
„Voran-Scheitern“ und „Es geht weiter“
In der kurzen Schlussdiskussion fragte Stiel in die Runde, was man vom Tag mitnehme. Es habe so viele neue Informationen und Ideen gegeben, die erst einmal sacken müssten, so eine Stimme. „Die Kopfstand-Methode war neu und toll – die werde ich auch einmal bei uns ausprobieren“, so eine andere Stimme. Auch das Kennenlernen des Konzeptes des „Voran-Scheiterns“ wurde mit nach Hause genommen. „Einfach mal ausprobieren und machen – und wenn es nicht klappt, hat man auch was gelernt“, erläuterte ein Teilnehmer. Eine Teilnehmerin zeigte sich gespannt darüber, dass man mit der neuen Landeszentrale nun einen zentralen Ansprechpartner im Land habe und eine weitere freute sich über die Teilnehmer-Liste, um ihr Netzwerk zu erweitern, „Ich finde es ermutigend, dass es so viele Initiativen gibt und dass es weitergeht“, so das Fazit einer weiteren Stimme.
Vorstellung der drei Projekte aus der Gesprächsrunde der Veranstaltung im Rahmen unserer Interviews zum „Projekt des Monats”
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Gruppenfoto mit Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler und den Teilnehmenden der Veranstaltung der Landesinitiative (alle Fotos: Harald Raabe, LiNN) -
Gesprächsrunde mit den Vorsitzenden dreier Nachbarschaftsvereine aus Rheinland-Pfalz: v.l.: Karl-Heinz Pastoors (Nachbarn füreinander e.V.), Werner Weber (LützelAktiv e.V.), Björn Flick (Wäller helfen e.V.) und Anja Stiel (Moderation). -
Die Teilnehmenden der Veranstaltung verteilten sich am Nachmittag auf drei Workshops und wendeten dort in Kleingruppen die "Kopfstand-Methode" an. Hier Blick in den Workshop "Mehr Verantwortung übernehmen", geleitetet von der BAS-Geschäftsführerin Caroline Kuhl. -
Die Teilnehmenden wählen jeweils die für sie bedeutendsten Ergebnisse der Workshops aus. -
Jeder und jede Teilnehmende pinnte die drei für sich wichtigsten Ergebnisse des Workshops an ein Board. -
Die erarbeiteten Workshop-Ergebnisse wurden diskutiert und sortiert. -
Nach Beendigung der drei Workshops, wurden die Ergebnisse vorgestellt. Annette Scholl übernahm dies für den Workshop "Mitstreiter:innen finden". -
Die erarbeiteten Workshop-Ergebnisse