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Projekt des Monats Juli/August 2026: In Bodenheim existiert ein Netzwerk für alle Generationen
Das „Generationen-Netzwerk/Seniorenbüro Bodenheim“ ermöglicht ein aktives, selbstbestimmtes und vernetztes Leben in der Gemeinde und bindet alle Generationen mit ein.
In der Gemeinde Bodenheim im Landkreis Mainz-Bingen leben rund 7600 Einwohner. Der Weinort in der gleichnamigen Verbandsgemeinde grenzt an die südlichen Stadtteile von Mainz und bietet den älteren und jüngeren Bürgerinnen und Bürgern eine zentrale Anlaufstelle für Engagement, Begegnung und Vernetzung. Die Sozialpädagogin Kerstin Thieme-Jäger leitet dort das „Generationen-Netzwerk/Seniorenbüro“ mit dem Ziel, ältere Menschen beim selbstständigen Leben im Quartier zu unterstützen und soziale Teilhabe und generationsübergreifendes Miteinander zu fördern. Im Interview mit der 65-Jährigen, die zudem auch Demenzberaterin, Fotopädagogin und kommunale Gesundheitsmoderatorin ist, haben wir unter anderem über die Bedeutung von Netzwerkarbeit, die vielen Angebote vor Ort sowie die Vorzüge einer festen Stelle und den guten Draht zum Bürgermeister gesprochen.
Frau Thieme-Jäger wie lange engagieren Sie ich bereits in der Gemeinde Bodenheim und in welchen Funktionen?
Thieme-Jäger: Mein Engagement in Bodenheim reicht nun schon mehr als zehn Jahre zurück. Begonnen hat es 2015 als ich bei der Caritas Altenhilfe das Seniorennetzwerk „SoNAh“ – sozialraumorientierte Netzwerke in der Altenhilfe – aufgebaut habe. Dies war ein Modellprojekt der Gesetzlichen Krankenversicherung, das bis 2018 lief.
Danach schloss sich bis 2023 das Quartiersbüro „Wir-in-Bodenheim (WiB)“ an, dessen Träger der Caritasverband Mainz war.
Und seit 2023 habe ich eine feste Stelle in der Ortsgemeinde mit dem „Generationen-Netzwerk/Seniorenbüro Bodenheim“ für das ich 29,25 Stunden die Woche arbeite. Die Stelle ist bis Ende 2027 garantiert, wenn ich in Rente gehen werde. Danach kann die Stelle hoffentlich fortgesetzt werden.
Ein „direkter Draht“ zum Bürgermeister, dem auch das Generationen-Netzwerk direkt untersteht
Als Festangestellte in der Gemeinde stehen Sie ja sicher in engem Kontakt mit dem Ortsbürgermeister. Welche Rolle hat dieser bei der Einrichtung Ihrer Stelle gespielt?
Thieme-Jäger: Unser heutiger Bürgermeister, Jens Mutzke, hat damals noch als Beigeordneter für Soziales meine Tätigkeiten verfolgt und mit WiB die gut aufgebaute Seniorenarbeit kennengelernt. Als das Projekt auslief sind die im Projekt Engagierten und die Betroffenen vor Ort in einer Abschlussveranstaltung an die Ortsgemeinde herangetreten und wollten, dass die Stelle als Teil der Ortsgemeinde verstetigt werden sollte. Es gab eine breite Unterstützung im Ort. Herr Mutzke hat sich für die Stelle eingesetzt und konnte die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen. Er hat es geschafft, dass diese freiwillige Leistung auch in einer angespannten Haushaltlage umgesetzt wurde. So konnten die aufgebauten Strukturen erhalten und weiterentwickelt werden.
Als er dann zum Ortsbürgermeister gewählt wurde hat er den Zuständigkeitsbereich „Senioren“ mit dem Generationen-Netzwerk direkt seinem Amt zugeordnet. Der Austausch wird durch einen wöchentlichen Jour fixe gewährleistet. Dieser direkte Draht ist wichtig bei offiziellen Anfragen, etwa um Förderungen zu beantragen oder eine Veranstaltungsreihe aufzusetzen. Außerdem kann ich so aktuelle Trends und Entwicklungen direkt mit ihm diskutieren.
Was ich tue, wird regelmäßig im Nachrichtenblatt der Verbandsgemeinde veröffentlicht. Zweimal im Jahr berichte ich über meine Arbeit im Ortsgemeinderat. Jens Mutzke lässt mir durch die bewährte Zusammenarbeit einen großen inhaltlichen und zeitlichen Handlungsspielraum.
Von einer Umfrage bis hin zu einer breiten Angebotspalette in einer unterstützenden Gemeinde
…und was ist das Besondere an dem Netzwerk bzw. Seniorenbüro?
Thieme-Jäger: Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit für die Ortsgemeinde wurden an alle über 65-Jährigen im Ort Umfragebögen verteilt, um deren Bedarfe zu ermitteln. Dies ist auf eine große Resonanz gestoßen. Die Ergebnisse wurden dokumentiert und vorgestellt.
Deshalb hat sich die Ortsgemeinde bei der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz für das Projekt „BedikK“ – Bedarfsworkshops in kleinen Kommunen – beworben. Sie bekam eine Zusage und dadurch eine Begleitung, um eine große Ideenwerkstatt durchzuführen unter dem Titel „Gesund & Aktiv – Älter werden in Bodenheim“. Daraus entstanden mehrere sogenannte Fokusgruppen, die auch heute noch aktiv sind. Eine Gruppe engagiert sich für Begegnungsorte und neue Treffs sowie diverse Begegnungsformate in Bodenheim. Eine andere kümmert sich um Naturschutz und Hitzeprävention, eine weitere widmet sich dem Thema Mobilität. Diese Fokusgruppen arbeiten eng mit mir zusammen.
Wie ist das Generationen-Netzwerk in Bodenheim organisiert?
Thieme-Jäger: Ich habe ein Büro im Rathaus. Außerdem hat die Gemeinde diverse barrierefreie Räumlichkeiten, die wir alle nutzen können, ohne Miete zu zahlen. Ab dem nächsten Jahr werden uns auch klimatisierte Räume zur Verfügung stehen. Das wird vor allem die Begegnungstreffs sehr erleichtern.
Im Büro biete ich regelmäßige Sprechzeiten an. Nach Absprache mache ich aber auch Hausbesuche und biete telefonische Beratung an. Es ist schön, dass ich einen großen Vertrauensvorschuss bei unserem Bürgermeister habe, sodass ich mir meine Zeit frei einteilen kann.
Im Großen und Ganzen koordiniere ich circa 50 Ehrenamtliche bei ihrem freiwilligen Engagement in Bodenheim. Unter anderem nutze ich dafür mehrere WhatsApp-Kanäle, in denen ich die verschiedenen Gruppen bediene und darüber Ankündigungen und Abfragen erstelle. Außerdem organisiere ich zudem auch noch das Team „Babbel-Café“.
Geben Sie uns doch bitte einmal einen kleinen Überblick, über die wichtigsten und erfolgreichsten Angebote, die derzeit in Bodenheim stattfinden.
Thieme-Jäger: Am wichtigsten sind sicher alle Begegnungstreffen für unseren Ort. So wie etwa das gerade erwähnte Babbel-Café. Dieses findet einmal im Monat zwischen zehn und zwölf Uhr an wechselnden Orten in Bodenheim statt, um so möglichst viele Menschen zu erreichen.
Zudem haben wir die regelmäßigen Mittwochstreffs mit einem „Sing-Dich-Glücklich“, zwei Spieletreffs und einem „Fit-im-Kopf“-Gedächtnistraining. Dies sind sehr niedrigschwellige Angebote, die ich für meine Arbeit sehr wichtig finde, da ich dort u.a. wichtige Infos und Hintergründe von der Lebenssituation der Leute erhalte und die Menschen darüber erstmalig Kontakt mit mir aufnehmen.
Auch die Sparte „Jung trifft alt“ ist ein besonderes Angebot mit mehreren Formaten, bei denen die Jungen z.B. den Alten den Umgang mit neuer Technik erklären. Oder die „Senioren-Kids“, das ist eine Kita-Gruppe im katholischen Kindergarten. Dort bereite ich die Kids auf den Besuch einer Tagespflege vor. Sie lernen etwa Rollator und Rollstuhl kennen und ich erkläre z.B. was eine demenzielle Erkrankung bedeutet. Das eigentliche Ziel bei den Formaten ist ja, dass es zu Interaktionen der Generationen im Ort kommt.
Dann haben wir Großveranstaltungen wie Fastnacht Ü60 oder Tanzcafés. Apropos Tanzen: Gerade wurde eine Community von 45 Tanzbegeisterten für Line-Dance aufgebaut. Der Vorteil der Tanzangebote ist, dass gerade auch Alleinstehende tanzen können und Anschluss und eine Gruppe finden.
Sehr spannend und auch erfolgreich sind unsere Angebote „Aktion Tagwerk“ und ein Brandschutz-Workshop. Bei der Aktion Tagwerk wird den Kids im Ort für einen Tag eine bezahlte Stelle vermittelt, z.B. in der Tagespflege, so erhalten sie gute Einblicke für mögliche spätere Berufe oder Engagements.
Der gut nachgefragte Brandschutz-Workshop kam zustande, weil mich eine ältere Frau in der Hitzeperiode Anfang Juli angesprochen hatte, ob ich nicht mal bei der freiwilligen Feuerwehr eine Infoveranstaltung organisieren könne, um zu erfahren, wie man mit einem Feuerlöscher umgeht – das wissen offenbar viele nicht.
Wichtig und gut nachgefragt sind zudem die Beratungsangebote wie z.B. Demenzberatung, Wohnberatung oder das Kummer-Telefon. Auch das Angebot „Freizeit 24 / 7 – Ruhestand, was nun?“ findet Interesse bei denen, die sich fragen: Wie kann ich mich für meinen Ort engagieren?
Über ein gutes Netzwerk werden aus Wünschen und Ideen konkrete Angebote
„Generationen-Netzwerk Bodenheim“ führt es ja schon im Namen – doch auch Ihre Tätigkeit in den verschiedenen Projekten in Bodenheim zuvor zeigen eindrucksvoll den Stellenwert von Netzwerkarbeit auf. Wie gestalten Sie Netzwerkarbeit?
Thieme-Jäger: Vieles entsteht nur deshalb, weil Ideen an mich herangetragen werden und ich dann Leute mit den Ideen zusammenbringe und sie vernetze, so wie das vorhin genannte Beispiel mit dem Brandschutz-Workshop. Wir sprechen dann solche Wünsche und Ideen ab und ich rufe dann eben bei der freiwilligen Feuerwehr an und organisiere eine Veranstaltung. Oder ich begeistere für eine Ü65-Veranstaltung und gebe Wünsche zu den Inhalten weiter, oder ich werbe für eine Pilotveranstaltung zu anderen Themen.
Bei Veranstaltungen übernehme ich dann die Werbung und Anmeldung und gestalte ein Plakat dazu. Im Falle das Brandschutz-Workshops vergingen nur sieben Wochen von der Idee bis zur Umsetzung. Aufgrund der großen Begeisterung und der hohen Nachfrage wird dieser übrigens ab sofort vierteljährlich angeboten.
Zu Netzwerkarbeit fällt mir noch das Stichwort „Sozialraumorientierung“ ein: Meine Erfahrung bei der Arbeit in zwei Demenz-WGs hat mir z. B. gezeigt, dass es nichts bringt, wenn diese Einrichtungen sich nicht öffnen, sondern isoliert sind. Es funktioniert umso besser, wenn sich solche Häuser öffnen und in Netzwerke eingebunden werden.
Was ist Ihre vielleicht wichtigste Erkenntnis, die Sie im Laufe Ihrer Tätigkeit gewonnen haben?
Thieme-Jäger: Ich würde mir wünschen, jede Gemeinde hätte eine festes Seniorenbüro. Mit einem entsprechenden Sozialraumbudget können wir die Leute da abholen, wo die Probleme entstehen und „aufploppen“, um dann direkt dafür auch Lösungen zu finden.
Bei allem ist Prävention das A und O. Wenn sie funktioniert, dann ist davon zwar nur wenig zu sehen, aber sie ist für die Menschen sehr wichtig, weil sie eben viele Probleme verhindert oder hinauszögert bzw. passgenau andere Lösungen entwickelt werden können.
Zukunftswunsch: Verlässliche Strukturen und Kontinuität
Was sehen Sie als wichtigste Aufgabe im Rahmen Ihrer Stelle für die Zukunft?
Thieme-Jäger: Kontinuität: Wie kann man sicherstellen, dass die Arbeit fortgeführt wird? Und wie kann man die Übergabe gewährleisten unabhängig von der kommunalen Finanzlage. Gerne würde ich meine Nachfolgerin oder Nachfolger noch einarbeiten. Das möchte ich in den Ortsgemeinderat einbringen.
Ich möchte zudem eine Nachbarschaftshilfe-Organisation aufbauen und Leute motivieren sich zu engagieren, ohne sie zu drängen, und vorsichtig an verschiedene Aufgaben heranführen. Es soll also eine Struktur entstehen, auf die sich die Leute verlassen können. Ich bin sehr zufrieden, dass sich bereits einzelne Personen, aber auch Vereine und Parteien zusammenfinden und gemeinsame Veranstaltungen und Projekte gestalten und auch verlässlich untereinander vernetzen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Thieme-Jäger!
Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite der Gemeinde Bodenheim sowie beim Begegnungsforum Bodenheim – eine gerade erst neu eingeführte Plattform für die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde jeden Alters.
Zudem finden Sie Informationen und Kontaktdaten über den Projektefinder der Landesinitiative.
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Jung trifft alt: Bei der "AG Mensch" fahren Senioren in ein Gymnasium und erzählen den Schülern von früher und die Schüler von ihrem Alltag. Neben dem Gymnasium gibt es einen "Seniorenspielplatz", auf dem man zusammen Spaß hat. -
Bei "Jung tifft alt" erklären hier die Jungen den Älteren den Umgang mit einem Smartphone. -
Hier erklärt eine alte Dame im Rahmen der Aktion "Jung trifft alt" zwei Mädchen (sichtbar im Spiegel) ihren Hausnotruf. -
Im Rahmen der Aktion Tagwerk in Bodenheim besucht ein Junge eine ältere Dame in einer Dememz-WG (alle Fotos: Generationen-Netzwerk/Seniorenbüro Bodenheim) -
Regelmäßig trifft man sich in Bodenheim an verschiedenen Orten zum Babbel-Café. -
Das Babbel-Café an einem weiteren Ort. -
Das Orga-Team vom "Babbel-Café" -
Zum Ein-Jahres-Jubiläum des Babbel-Cafés kam der Bürgermeister zu Besuch. -
Das Mobilitätsteam sorgt dafür, dass Personen mit Rollator zum Babbel-Café gebracht werden. -
Eine weitere Gelegenheit zum Treff: Das Frauenfrühstück in Bodenheim. -
Mit selbst gestalteten Plakaten von Frau Thieme-Jäger werden Veranstaltungen beworben, wie hier zur Branschutzaufklärung mit der Feuerwehr. -
Auf der Veranstaltung Brandschutzaufklärung Ü60 wurde der Umgang mit Feuerlöschern geübt. Die Aktion ist sehr nachgefragt und wird nun vierteljährlich angeboten. -
Plakate laden auch zum Tanzcafé ein. -
Beim Tanzen können auch Alleinstehende neue Kontakte knüpfen. -
Line-Dance stößt auf großes Interesse in Bodenheim. -
Neues Tanzangebot: Der Line-Dance-Schnupperkurs. -
Zu Beginn des "Generationen-Netzwerk/Seniorenbüro Bodenheim" wurde eine Ideenwerkstatt durchgeführt, die auf große Resonanz im Ort stieß. -
Die Gemeinde Bodenheim stellt für Veranstaltungen diverse barrierefreie Räume kostenfrei zur Verfügung. -
Im Rathaus von Bodenheim befindet sich auch das Büro vom "Generationen-Netzwerk/Seniorenbüro".