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Projekt des Monats März/April 2025: Ein Bürger-Treff engagiert sich in Oberrod und plant nun die Vereinsgründung

In der kleinen Gemeinde im Westerwald setzen sich seit zwei Jahren Bürger:innen mit der Unterstützung ihres Bürgermeisters für ein besseres Zusammenleben im Ort ein.

Rund 750 Einwohnerinnen und Einwohner zählt die Gemeinde im Westerwaldkreis in Nordosten von Rheinland-Pfalz. Seit zwei Jahren engagiert sich eine „buntgemischte Truppe“, um mehr Treffmöglichkeiten für Jung und Alt in Oberrod zu schaffen. Was von der Initiatorin des Bürger-Treffs, Kerstin Guckert, zunächst als loser Zusammenschluss geplant war, soll nun in einen Verein überführt werden. Im Interview erläutert die 53-jährige Tourismuskauffrau, die beim Bürger-Treff vor allem für Kommunikation und Vernetzung zuständig ist, warum, und sie berichtet darüber, wie sich die Arbeit des Bürgert-Treffs im Lauf der Zeit entwickelt hat.

Bild mit zwei Männern, die in einem alten Dorfbackhaus Teige zum Brotbacken vorbereiten
Das "Backesteam" Wolfgang und Stefan beim Vorbereiten der Brote. (alle Bilder: Bürger-Treff Oberrod)
Kerstin Guckert
Kerstin Guckert (Foto: privat)

Frau Guckert, der Bürger-Treff Oberrod hat vor Kurzem seinen zweiten Gründungsgeburtstag gefeiert, wie ist er ins Leben gerufen worden?

Guckert: Die Idee, eine vereinsunabhängige Möglichkeit zur Vernetzung innerhalb unserer Gemeinde zu schaffen, stammt von mir. Ursprünglich dachte ich ans Anbieten von Mitfahrgelegenheiten, Nachbarschaftshilfe und gegebenenfalls eine Tauschbörse. Eine Mitnahme zu meiner Arbeitsstelle nach Rennerod anzubieten, war eine der ersten Ideen. Über die Frage, wie ich die Menschen in Oberrod über das Angebot informieren soll, habe ich mit meinem Mann diese Idee dann immer weitergesponnen. Hierbei sind wir immer mehr zu der Frage gelangt, wie man unser Dorf lebendiger gestalten könnte. In Oberrod gibt es leider schon seit vielen Jahren weder eine Kneipe noch Geschäfte, wo sich die Menschen treffen könnten. Die örtlichen Vereine bieten zwar teilweise in ihren Vereinsheimen regelmäßige Treffen an, sie werden aber leider kaum von Nichtmitgliedern genutzt. In erster Linie stellte sich uns daher die Frage, wie man die Menschen im Ort zusammenbringt.

„Ausprobieren“ mit der Unterstützung des Bürgermeisters

Vor circa drei Jahren bin ich dann auf unseren Ortsbürgermeister zugegangen und habe ihm von meinen Überlegungen zu vereinsunabhängigen Treffen zum gegenseitigen Austausch und zur Unterstützung erzählt. Die Idee fand er gut und meinte „probier‘ das doch mal“. Er unterstützt die Initiative seitdem sehr und steht uns mit Rat und Tat zur Seite.

Wie ging es dann weiter?

Guckert: Ich habe zunächst zusammen mit unserem Ortsbürgermeister einen Termin für ein erstes Treffen gesucht und diesen dann im Amtsblatt veröffentlicht. Am 25.01.2023 hat dann der erste Oberroder Bürger-Treff stattgefunden. Besonders gefreut hat mich, dass schon beim ersten Mal elf Personen kamen. Die Menschen hatten ja wenig Vorstellung davon, was bei dem Treffen passieren würde. Toll war von Anfang an der Austausch und die Vielfalt der Ideen. Seitdem ist viel passiert und wir haben einiges im Dorf angestoßen.

Treffpunkte finden, Feste feiern und Angebote etablieren

Beim zweiten Treffen am 8.2.2023 waren wir dann schon 23 Personen und es wurden erste sehr konkrete Ideen weiterentwickelt. Wir haben im Jahr 2023 gemeinsam mit unserem Ortsbürgermeister und einem Team von fachkundigen Männern aus dem Dorf unser Backhaus, den „Backes“ reaktiviert und mehrere Brotbacktermine durchgeführt. In der Vereinshütte des Skiclubs Elz hat ein Teil der Gruppe den ganzen Sommer 2023 an Sonntagen Kaffee und Kuchen angeboten und außerdem hat sich ein monatliches „Erzähl-Café“ etabliert, was schon zu einer festen Institution im Ort geworden ist.

Was haben Sie sonst noch so auf die Beine gestellt?

Guckert: Sowohl 2023 als auch 2024 hat es in Oberrod ein kleines Adventsfest am Backes gegeben, bei dem die Kinder der „Gruppenstunde“, die sich schon seit vielen Jahren unter Anleitung eines tollen Teams treffen und gemeinsam basteln, den dörflichen Weihnachtsbaum geschmückt haben. Es gab Waffeln und Tee sowie Glühwein und Bratwurst und es war eine wunderschöne gemeinsame Einstimmung in die Adventszeit. Ein weiteres sehr engagiertes Team von Freundinnen hat mit viel Liebe einen „lebendigen Adventskalender“ organisiert, der unglaublich toll ankam und 2024 wiederholt wurde. Viele Menschen aus dem Dorf, auch neue Einwohner, sind abends zusammengekommen, haben gemeinsam gesungen oder die adventlich geschmückten Fenster bewundert, sich unterhalten und viel Spaß gehabt.

Im Sommer 2024 haben wir ein sehr schönes Kinderfest in der Dorfmitte organisiert. Die Bewirtung übernahmen die örtlichen Vereine Schützenverein, Freiwillige Feuerwehr, Frauengemeinschaft und Kapellenverein. Das war bei strahlendem Sonnenschein auch eine richtig tolle Veranstaltung.

Das Für und Wider der Vereinsgründung

Sie schreiben bei uns auf der Webseite, dass der Bürger-Treff ein lockerer Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern ist, was meinen Sie damit?

Guckert: In unserem kleinen Ort gibt es ja bereits einige Vereine und es war von meiner Seite nie die Idee, einen weiteren zu gründen. Es ging eigentlich immer darum, jeder und jedem die Freiheit zu lassen, sich so zu engagieren, wie es Zeit und Lust erlauben.

Leider stellten wir fest, dass es aus verschiedensten Gründen nicht so leicht ist, als buntgemischte Gruppe im Alter zwischen 30 und 70 Jahren, einfach so „draufloszumachen“. Es gab zum Beispiel immer wieder Bedenken und Probleme bei der Finanzierung. Auch konnten wir nicht bei allen Veranstaltungen die Möglichkeit nutzen, diese in Kooperation mit den bereits vorhandenen Vereinen durchzuführen. Vor allem aufgrund der rechtlich und steuerlich ungeklärten Situation haben wir uns nun entschlossen, doch einen Verein zu gründen.

Bedarfsgerecht Tools und Angebote entwickeln

Der Bürger-Treff ist ja auf der Dorfwebseite ziemlich gut präsentiert mit vielen Tools! Wer pflegt dies und wie kommunizieren Sie untereinander und ins Dorf?

Guckert: Der Admin unserer Gemeinde-Website bekommt Texte und Infos von mir und pflegt diese in Absprache mit unserem Ortsbürgermeister ein. Außerdem haben wir einen WhatsApp-Kanal, einen WhatsApp- bzw. E-Mail-Verteiler und nutzen zusätzlich unser Amtsblatt und Plakate. In einem Google-Kalender auf der Oberroder Internetseite können wir auch alle Veranstaltungen veröffentlichen. Leider funktioniert immer noch nicht alles perfekt…

Bei den Ideen zur Gestaltung des Dorflebens erwähnen Sie auf der Webseite auch die Nachbarschaftshilfe, welchen Stellenwert hat diese bei Ihrer Arbeit?

Guckert: Das ist bisher tatsächlich nicht so nachgefragt. Die meisten älteren Menschen im Dorf haben Familie oder Nachbarn, die die Unterstützung offensichtlich selbst gut organisieren. Wir hatten einmal den Fall, das eine ältere Dame Unterstützung brauchte für die Zeit des Urlaubs der Tochter. In dem Fall hat sich innerhalb der Gruppe schnell jemand gefunden. Es gibt eine virtuelle Pinwand, auf der ich zum Beispiel meine tägliche Mitfahrgelegenheit anbiete. Das ist natürlich alles noch ausbaufähig und es kommt ja letztlich auf den Bedarf an.

Ihr Verhältnis zum Bürgermeister scheint ziemlich gut zu sein, wie sieht es mit anderen Vernetzungen aus?

Guckert; Ja, zum Bürgermeister habe ich einen guten Draht. Ich bin ja auch in Oberrod aufgewachsen und habe dort fast ununterbrochen gewohnt, bin also auch im Ort bekannt und gut vernetzt. Auch in Nachbarorte, wo ich zum Beispiel auch in zwei Vereinen aktiv bin. Da ich bei der Verbandsgemeinde arbeite, bestehen auch dorthin gute Kontakte.

Menschen, die gemeinsam etwas verändern „ist mir die größte Motivation“

Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus?

Guckert: Zunächst wollen wir jetzt die Vereinsgründung angehen. Wir haben viele weitere Ideen, die wir danach angehen wollen, zum Beispiel ein Dorfflohmarkt, einen regelmäßig geöffneten Backes als Dorftreffpunkt, offene Gärten, gemeinsame sportliche Aktivitäten wie Fahrradfahren oder ein Hundetreff. Ein Vorschlag unseres Bürgermeisters war zudem die Pflanzung einer Streuobstwiese auf Gemeindeland. Es wird sich sicherlich einiges ergeben.

Gibt es besondere Erlebnisse, seit Beginn Ihres Engagements, die Sie dafür motivieren?

Guckert: Ich freue mich, dass sich in den zwei Jahren so viele Menschen zusammengefunden haben, die Lust haben und sich die Zeit nehmen, mit anderen gemeinsam etwas zu verändern und zu verbessern. Das ist mir die größte Motivation.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Guckert.

Weitere Informationen zum Bürger-Treff auf der Webseite des Ortes oder im Projektefinder der Landesinitiative.

Anfragen und Angebote für Hilfen einstellen und die zueinander passenden Leute können sich so auch selbst finden, ohne uns als Vermittler zu benötigen.

Da die Arbeit über die Zeit immer umfangreicher und vielfältiger wurde, war zunächst die Frage, ob wir unsere Tätigkeiten einschränken wollen oder ob wir weiterwachsen. Da Letzteres unser Wunsch war und wir bis dahin viele Treffs bei mir in der Küche abgehalten hatten, war es unser Wunsch, ein eigenes Bürogebäude zu bauen. Dies steht nun seit 2024 und dort arbeitet nun auch ganztags eine Verwaltungsmitarbeiterin für uns. Seit 1. Juni bin ich nun auch hauptamtlicher Geschäftsführer des Vereins.

Einnahmen-Akquise auf unterschiedlichen Ebenen

Wie finanzieren Sie dies alles?

Flick: Wir leben ja rein von Spenden und die Entscheidung, meine Existenz an Wäller Helfen zu binden, war zwar auch nicht leicht, aber letztendlich ist es genau das, was ich wirklich immer machen wollte und auch will. Das heißt, wir müssen die Spendeneinnahmen diversifizieren und neue generieren. Über die 60 bis 90 Euro Vereinsmitgliedsbeiträge ist das nicht zu stemmen und man muss ja auch eine vernünftige Haushaltsplanung über mehrere Jahre hinbekommen.

Zusätzliche Einnahmen generieren wir z.B. über Unternehmensmitgliedschaften, die von 699 bis 1299 Euro dafür bezahlen. Im Gegenzug werden die Unternehmen zertifiziert für soziales, regionales und nachhaltiges Engagement.

Weitere Einnahmen generieren wir über das Aufforstungsprogramm im Westerwald, bei dem wir seit vier Jahren mitmachen und über welches 100.000 Bäume gepflanzt werden sollen. Für jeden gepflanzten Baum erhalten wir 1,50 Euro. Gerade erst haben wir den 81.500sten Baum mit einer Schulklasse gepflanzt.

Natürlich nehmen wir auch an verschiedenen Förderprogrammen teil und tun regelmäßig neue Projekte mit neuen Fördermöglichkeiten bzw. weiteren Förderungen auf.

Ein kurzer Draht zu wichtigen Ansprechpartnern und ein direkter Draht zu „jungen Helden“

Sie haben auf der Vereinswebseite einen eigenen Menüpunkt „Netzwerk“. Wie wichtig ist Netzwerkarbeit, welches sind Ihre wichtigsten Partner und wie arbeiten Sie mit den Kommunen, Landkreisen und Bürgermeistern vor Ort zusammen?

Flick: Das Netzwerk ist enorm wichtig. Wir sind eine bedeutsame Schnittstelle in den Bereichen Gesundheit und Soziales im Westerwaldkreis und darüber hinaus. Kontakte bestehen etwa zu Gesundheitsamt, Jugendamt, Kinderschutz etc.

Wir haben hier in den Kommunen oder auf den Ämtern direkte Schnittstellen und Ansprechpartner, wir kennen uns persönlich und haben einen kurzen Draht, das macht die Sache einfach.

Aufgefallen auf der Webseite von Wäller Helfen ist mir auch, dass es eine eigene Jugendabteilung in Ihrem Netzwerk gibt. Was hat es mit dem Angebot „Wäller helfen jungen Helden“ auf sich und wie kam es dazu?

Flick: Ziel von uns war es, junge Menschen mit sozialem Engagement in Berührung zu bringen, darüber deren Selbstbewusstsein zu stärken und Schlüsselqualifikationen für ein soziales Miteinander zu formen. Wir haben Ende Februar damit angefangen, für auf Jugendliche zugeschnittene Angebote zu schaffen. Etwa Spielenachmittage im Seniorenheim und gerade bauen Sie dort auch ein Hochbeet auf. Auch zu Behinderteneinrichtungen, Kinderheime oder Pflegedienste werden für die jungen Menschen gezielt Angebote generiert.

Mittlerweile haben wir zehn Jugendliche in einem Umkreis von 15 km gefunden, die mit dabei sind und mit uns arbeiten. Ein Problem sind allerdings die langen Entfernungen bei uns im Landkreis, sodass lange Anfahrten natürlich auch ein Hindernis darstellen, um bei der Jugendabteilung mitzumachen.

Durchschlagender Erfolg bei den Mini-Angeboten in der Hauswirtschaft

Gibt es noch weitere neue Projekte, die Sie gerade umsetzen?

Flick: Ja, sehr erfolgreich ist beispielsweise auch unsere Teilnahme an dem vom Sozialministerium aufgesetzten Programm „Kleine Hilfe – Große Wirkung“ für Mini-Angebote in der Hauswirtschaft seit Januar dieses Jahres. Wir haben hier bereits mehr als 50 Kunden gewonnen und mehr als 25 Ehrenamtler, die diese Hilfen im Haushalt wie Kochen, Putzen, Bügeln oder Einkaufsfahrten anbieten. Die Nachfrage an diesen Angeboten explodiert geradezu, sodass wir dies alles gar nicht leisten können und schon eine Warteliste von mehr als 25 weiteren Kundinnen und Kunden haben.

Diese hohe Nachfrage nach solchen Programmen zeigt meiner Meinung nach – und ich komme ja auch aus der Pflege – dass immer mehr Unterstützungs- und Hilfeleistungen von freiwillig Engagierten übernommen werden müssen, da z.B. viele Einrichtungen im Unterstützungs- und Pflegebereich die Arbeit nicht mehr leisten können und leisten können werden, sodass andere diese Jobs übernehmen müssen.

Ständig auf der Suche nach neuen Projekten und Projektideen

Welche Projekte planen Sie zukünftig anzugehen?

Flick: Wir sind immer interessiert an neuen Projekten, die noch keiner so macht. So etwas wie das Flüchtlingscamp, das wir in Moldau gebaut haben, oder den Zeltkindergarten nach dem Erdbeben in der syrisch-türkischen Grenzregion.

Bei einer Preisverleihung im Frühjahr in Mainz haben wir aber auch eine andere ausgezeichnete Idee aus dem Raum Wiesbaden/Mainz aufgegriffen. Dort wurden z.B. Wunschboxen in Altenheimen für Bewohnerinnen und Bewohner aufgestellt, die keine Angehörigen haben, die sich um diese kümmern. Diese Wünsche werden dann veröffentlicht und Freiwillige können sich melden, um diese Wünsche zu erfüllen. Wir wollen dies nun für Behinderten- und Kindereinrichtungen zu Weihnachten in diesem Jahr machen. Dafür wollen wir jetzt eine digitale Plattform aufbauen, was rund 20.000 Euro Kosten wird. Gerade aber haben wir dafür aber schon einen Förderbescheid über 11.000 Euro erhalten.

Weitermachen werden wir auch mit unserer Kulturreihe, bei der wir regionale Bands und Künstler für jeweils vier Kulturveranstaltungen im Jahr gewinnen, auf denen wir dann Spenden für andere Vereine oder Einrichtungen sammeln. Das ist sehr erfolgreich, so haben wir z.B. allein bei einem Konzert 2024 innerhalb von zwei Stunden 6000 Euro Spenden einsammeln können. Wir konzentrieren uns da jedes Jahr auf ein neues Projekt, welches wir mit den Spenden unterstützen. Im vergangenen Jahr haben wir so 10.000 Euro für ein Kinderhospiz gesammelt. In diesem Jahr wollen wir einen Kinderjugend- und Feriendorf-Verein unterstützen.

„Eine Nummer für alles: Es gibt zu viele Doppelstrukturen und Anlaufstellen für die Bürgerinnen und Bürger“

Da Sie ja mit so vielen Akteuren zusammenarbeiten uns so breit aufgestellt sind, wo wünschen Sie sich mehr Unterstützung, was könnte besser laufen?

Flick: Voranstellen möchte ich zunächst einmal, dass wir in der Regel mit allen Akteuren gerne und gut zusammenarbeiten. Aber ich stelle mir auch manchmal die Frage, was freiwilliges Engagement denn noch alles übernehmen soll, weil wir durch unsere Arbeit aufgedeckt haben, dass etwa Infrastruktur fehlt oder nicht passt. Wäre das nicht Aufgabe von Politik, dies zu lösen?

Ist es wirklich unser Job, z.B. Menschen zu einem Herzschrittmacherwechsel an die Uniklinik Bonn zu fahren, weil diese sich eine 600 Euro teure Taxifahrt nicht leisten können, weil kein funktionierender ÖPNV für sie zur Verfügung steht?

Ist es nicht seltsam, dass die Landkreise nach dem Flüchtlingsaufkommen aus der Ukraine nach unserer Plattform gefragt haben, um private Wohnungen zu vermitteln?

Müssen wir eine 24/7-Hotline über einen Verein generieren, bei der sich über 70-jährige hinwenden, weil Sie sonst bei den vielen Zuständigkeiten gar nicht mehr genau wissen, wohin sie sich mit ihrem Anliegen wenden sollen, zumal wenn drängende Fragen auch mal außerhalb klassischer Öffnungszeiten anfallen?

Ich finde, wir müssen dringend gemeinsame Strukturen schaffen, die die Menschen verstehen. Es gibt zu viele Doppelstrukturen und Anlaufstellen. Es sollte eine zentrale Stelle geben, an die sich alle Hilfesuchenden wenden können. Dort muss ein Koordinator sitzen, der dann an entsprechende Stellen weiterleitet. Also eine Nummer für alles. Aktuell sind die Bürgerinnen und Bürger mit den endlos vielen Anlaufstellen, an die sie sich wenden können oder müssen, überfordert.

Insgesamt stelle ich fest, dass Organisationen, Gemeinden etc. sehr gerne von unserer Arbeit profitieren – und das wollen wir ja auch – sobald aber Kritik kommt, verstummen dann auch wieder viele. Ich hätte mich auch darüber gefreut, wenn wir zu unserem selbst finanzierten Bürogebäude etwas finanziellen Zuschuss von der ein oder anderen Gemeinde bekommen hätten, doch da kam leider nichts.

Emotionale Schutzräume für Ehrenamtler und mehr Mut zum Risiko von Verwaltungen und Kommunen

Möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch etwas abschließend mitteilen?

Flick: Ja, ein Aspekt, der bisher in unserem Gespräch vielleicht zu kurz gekommen ist, betrifft die emotionale Dimension unserer Arbeit – insbesondere die mentale Belastung der Ehrenamtlichen und Koordinierenden. Wir erleben in unserem Verein täglich nicht nur Dankbarkeit, sondern auch viele belastende Einzelfälle, persönliche Schicksale und strukturelle Notlagen. Da geht es um Einsamkeit, Armut, pflegende Angehörige am Limit, Geflüchtete in Angst oder ältere Menschen ohne jedes familiäre Netz.

Unsere Ehrenamtlichen sind mitunter sehr direkt mit diesen Geschichten konfrontiert. Wir merken daher zunehmend, wie wichtig es ist, für diese Engagierten auch emotionale Schutzräume und Austauschformate zu schaffen – z. B. durch Reflexionsabende, Supervision oder niedrigschwellige Gesprächsangebote. Das Thema „Ehrenamt und seelische Gesundheit“ sollte viel stärker in der öffentlichen Diskussion und in Förderprogrammen berücksichtigt werden.

Zudem sehen wir eine Herausforderung darin, mit dem hohen Anspruch an Professionalität und Verlässlichkeit Schritt zu halten, ohne dabei den ursprünglichen, niederschwelligen Geist des Ehrenamts zu verlieren. Die Grenze zwischen „Hilfe aus Nachbarschaft“ und „quasi-professioneller Sozialarbeit“ verschwimmt zunehmend. Das ist auf der einen Seite eine Chance, auf der anderen Seite aber auch eine Gratwanderung.

Lobenswert ist aus unserer Sicht die zunehmende Offenheit vieler Verwaltungen und Kommunen gegenüber neuen Lösungswegen, digitalen Hilfstechnologien und niedrigschwelligen Unterstützungsmodellen – aber auch hier wünschen wir uns oft mehr Mut zum Risiko, wenn es darum geht, innovative zivilgesellschaftliche Ansätze auch institutionell zu fördern.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Flick.

Weitere Informationen auf der Webseite des Vereins sowie den Social-Media-Kanälen des Vereins: Facebook, LinkedIn, Instagram sowie über den Projektefinder der Landesinitiative.

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